Thomas Spitzer | © STG | Jesse Streibl Thomas Spitzer | © STG | Jesse Streibl
💚-Botschafter

Thomas Spitzer

Ob „Ist der Massa gut bei Kassa“ oder „Märchenprinz. Die Musikwelt verdankt 100erte unvergessliche Hits EAV-Mastermind und Herzbotschafter Thomas Spitzer.

Und dazu wunderbare Comics, großartige Kostüme. Alles was die EAV, das politischste Musikkabarett im deutschen Sprachraum, so auf die Bühne brachte stammt vom genial-kreativen Steirer, der zwischen Kenia und Österreich pendelt. Ein Gespräch über Erfolg, politische Realitäten, und Heimatverbundenheit.

Die EAV war die politischste Band im deutschen Sprachraum, schmerzt in der Rückschau die Punze „Blödlband“, die vor allem das Feuilleton gestempelt hat?

Ja natürlich tut so etwas weh. Auf der anderen Seite ist man ja teilweise als Texter und Komponist a bissl mitverantwortlich. Aber es gelang uns gerade mit den letzten drei Alben – was mich besonders freut – dass wir nach langer Verbannung wieder auf den Kulturseiten der Süddeutschen Zeitung und der FAZ nicht nur beiläufig genannt wurden, sondern wo bereits in einem Kulturartikel der Süddeutschen stand, wir müssen uns bei der EAV entschuldigen. Sie ist politischer denn je. Hab ich gesagt, Burschen, jetzt können wir aufhören (lacht).

Hättest du dir vor 40 Jahren gedacht, dass eine solche Gratwanderung - Gassenhauer plus politische Botschaft - funktionieren kann?

Eigentlich wurde uns von allen Plattenfirmen gesagt, ihr seid möglicherweise ein gutes Kleinkunstkabarett, aber euch kann man nicht verkaufen. Und im Endeffekt haben wir auch während unseres Studiums gemeint, ist uns wurscht, das machen wir jetzt, weil es uns Spaß macht. Und sind einigermaßen unverbogen geblieben. Auf der anderen Seite ist es dann natürlich auch so, dass die EAV ja nie unpolitisch war. Man kann sich alle Alben anschauen. Nur, was wird im Radio gespielt bei der Frühstückssendung? Das harmlose, das unterhaltsame. Mich hat immer geärgert, dass die EAV dann in den Verruf kam, eine Faschingscombo zu sein. Warum hören sich die Leute nicht das ganze Album an? Wenngleich wir aber durch die vielen Hits auch die Möglichkeit hatten, ein großes Publikum zu erobern. Ein Hit ist  Segen und ein Fluch zugleich. Aber er füllt die Schatulle.

Die politische Realität stellt ja alles was Kabarett vermag, in den Schatten. Siehst du das auch so?

Das ist ja auch der Grund, warum ich vor eineinhalb Jahrzehnten gesagt habe, es hat keinen Sinn mehr, kabarettistische Einlagen zu machen, weil die Politiker - speziell jetzt Orban oder Trumpl-Tier & Co - das ist nicht mehr zu überzeichnen. Das heißt, die karikieren sich selbst dermaßen gut, dass ich sage – Nein. Stimmt, die Realität hat das boshafteste Kabarett längst überholt.

Texte, Kostüme, Bühnenbild, Musik - alles vom Spitzer. Nur die Bühnenkante hat dich nie interessiert. Warum?

Nein, weil das in meinem bescheidenen Wesen verankert ist (lacht). Ich weiß zwar, das Beste was mir je passiert ist, bin ich, aber eigentlich bin ich eher lieber in der zweiten Reihe und lasse wirklichen Rampensäuen den Vortritt. Und ich glaube, das war auch gut so.

Thomas Spitzer | © STG | Jesse Streibl
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Gibts einen Spitzer-Lieblingssong vom Spitzer?

Ja - „Coole, alte Sau“. Da habe ich dem Eberhartinger vor Erscheinen des Albums vor drei oder vier Jahren gefragt: Ich hätte da ein Lied, magst es singen? Der liest drei Zeilen und sagt: Gehört schon Dir (lacht). Deshalb durfte ich in den letzten Jahrzehnten die eine oder andere Nummer auch singen, weil der Klaus gesagt hat, für deine Krankheiten kann ich nix.

Wie wird man eine „coole, alte Sau“?

Die Grundbedingung, eine Sau zu werden, ist relativ einfach: Man muss trotz hohen Alters – ich bezeichne mich ja als Mee-Toosalem – sehr Frauen zugetan – nein Blödsinn. Auf jeden Fall musst du einfach cool bleiben und den Kontakt zu jüngeren Kollegen suchen. Weil die verjüngern dich ja selbst  am meisten. Bei dem Weihnachtsalbum vor eineinhalb Jahren war es dann so, dass dann sieben Interpreten – weil der Klaus wieder einmal gesagt hat, für deine Krankheiten kann ich nichts – mitgemacht haben. Und da habe ich erst gesehen, mit welchem Enthusiasmus und welcher Freude und positiver Energie die Jungen da mitmachen. Also, mit Gleichaltrigen sollte man sich nicht allzu sehr abgeben.

Wie waren die letzten Minuten bei der Abschiedsshow?

Fürchterlich. Noch Sehfähige haben gemeint, dass ich nah am Wasser gebaut sei. Die Abschiedstournee dauerte ja fast 100 Konzerte. Und bis zum vorletzten Konzert – ja rennt ja noch. Beim allerletzten Konzert habe ich dann gesagt – Kruzifix, 42 Jahre EAV, das ist doch ein kleiner Teil deines Lebens. Das hat weh getan.

Noch einmal kurz zurück in die Vergangenheit. Du hast mit dem Gert Steinbäcker „Mephisto“ gegründet. Da gab es das legendäre Konzert im steirischen Poppendorf. Welche Erinnerungen hast du daran?

Davor war ja Woodstock. Und ich bin damals in der Pause gegenüber von der Kunstgewerbeschule immer ins Kino rein. Weil da musste ich keinen Eintritt zahlen. Und das hat immer mit „Going home“ angefangen. Also die zweite Hälfte. Und das wir beim steirischen Woodstock auftreten dürfen und als einzige Band im Fernsehen waren, das war ein Ritterschlag. Da waren wir natürlich fürchterlich stolz. Allerdings habe ich vor einigen Jahren diese Aufnahme – damals vom ORF – wiedergesehen. Der Gert hat ein Englisch gesungen, dass es bis heute nicht gibt. Aber wir waren jung und unbesiegbar. Sehr schön.

Kann es eine Auferstehungstour geben? Du hast ja schon Titel dafür gefunden. „Rückkehr der Mumien“ oder „Lazarus-Tour“.

Nein, normalerweise heißt es ja dem Filmtitel entsprechend „Sag niemals nie“. Aber in dem Fall sind sich Klaus und ich absolut einig. Das war eine wunderbare Zeit. Und wir wollten uns nicht wie manch andere Künstler in Bierzelten mit unseren fünf Hits – nein es sind glaub ich zehn, wenn nich zwölf (lacht) – ins Jenseits tingeln. Wir haben gesagt, wir wollen mit Würde aufhören. Und ich glaube, es war ein guter Zeitpunkt. Da muss ich mich als Seher loben. Weil die Tour hätte eigentlich 2020 stattfinden sollen. Ich habe gesagt – Nein, wir drücken es 2019 durch. Und dann – wie wir alle wissen – kam Corona. Es war genau cool so.

Thomas Spitzer | © STG | Jesse Streibl
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Was kommt noch, schreibst du für andere, vielleicht ein böses Spitzer-Schundheftl oder ein Soloprojekt?

Ja bezüglich Solo-Projekt quält mich meine liebe Nora schon seit zehn Jahren. Mein Fundus ist übervoll. Ja, ich werde ein Solo-Album machen. Allerdings unter Zuhilfenahme von wirklichen Sängern. Teilweise eben – also ein paar werde ich schon selbst brümmeln. Wie man gesehen hat, das EAV-Lied „Gegen den Wind“, das der Lemo gesungen hat, das funktioniert ja super. Mit dem Paul (Pizzera) muss ich eines machen, weil es nicht anders geht. Und da arbeiten wir eh schon dran. Ich arbeite gerne mit jüngeren Kollegen und gebe gerne meinen „Spitzer-Senf“ dazu.

Je weiter man weg ist, und du hast ja lange in Kenia gelebt, desto schärfer wird der Blick auf´s Land. Wie ist es - aus deiner Sicht - um die Steiermark bestellt?

Die Steiermark ist – auch wenn man dieses Wort mit Vorsicht genießen muss – meine Heimat. Aus, fertig. Und sie ist sowohl kulturell als auch landschaftlich wunderbar. Ich freue mich natürlich immer, wenn ich wieder herkomme. Auf der anderen Seite: Nachdem es in einem Dritte-Welt-Land wie Kenia ein Plastiksackerl-Verbot gibt, bei uns aber noch immer kein Flaschenpfand-Dings, glaube ich, dass im Sinne des Umweltschutzes noch ein bisschen Nachholbedarf besteht. Speziell habe ich jetzt vernommen, dass der Rechnungshof prognostiziert hat, dass die Klimaziele nicht erreicht werden. Und das würde uns dann bis zu 9 Mrd. Euro kosten. Graz macht ja als Vorreiter eine gute Figur mit seinen Vorhaben, bis 2040 klimaneutral zu sein. Aber eine Stadt ist noch kein Land. Ich glaube, man müsste das regional einfach ernst nehmen. Und weil es „Die grüne Mark heißt“ – noch ist sie wunderschön grün, müsste die grüne Steiermark eine Vorreiterfunktion haben. Für die nachfolgenden Generationen wäre das sehr wichtig und ich glaube, dass man da noch ein bisserl Gas geben kann. Und dass man vor allem jetzt das Geld, das man sonst zahlen müsste, in neue Technologien und Alternativ-Projekte investiert.

Wie sehr setzt du dich noch mit der Kulturszene hier auseinander? Dein „Ziehsohn“ Paul Pizzera, feiert aktuell große Erfolge. Gibt´s da Tipps von dir?

Ich bin bekannt dafür, dass ich jedem Tipps gebe. Nur dem Paul gebe ich keine Tipps, weil der Paul weiß jetzt bereits zumindest gleich viel wie ich. Ich kenne natürlich die Musikszene nicht so, weil ich halt die wenigste Zeit in Österreich verbringe. Aber ich kann allen Musikschaffenden – ob das Bands sind oder Einzelkünstler – nur empfehlen, nicht auf Medien zu hören, nicht auf Trends hören – schon gar nicht auf Plattenfirmen und deren Meinungen. Sondern einfach unerbittlich das eigene Ding durchziehen. Mit Besessenheit, denn nur so kann etwas Gutes und Unvergleichbares daraus werden.

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Wie tief wurzelst Du noch in der Steiermark?

Zu tief, als dass man einen alten Baum wie mich nach Vorarlberg oder Salzburg versetzen könnte.

Dürfen wir auch ein bissl romantisch werden? Deine Frau hat dich zum runden Geburtstag mit einem Buch - „Herz auf Reisen“ - beschenkt. Briefe, die du in anderen Beziehungen an Lieben geschrieben hast. Deine Frau muss ein großes Herz haben.

Sie hat einen guten Geschmack muss ich in aller Bescheidenheit sagen. Nein, ich war eigentlich nicht dafür. Sie hat in unzähligen Kisten gekramt und diese Liebesbriefe zutage gefördert. Die habe ich damals immer gefaxt, ergo waren die ganzen Originale noch hier. Erst dachte ich, das ist peinlich, mich so derartig verletzbar zu zeigen. Auf der anderen Seite habe ich mir gedacht, die Zeit des Paradeblödlers mit der EAV ist vorbei, und warum nicht auch einmal zu dem stehen, wie man auch sein kann. So wie es etwa der Paul mit seinem Therapiebuch „König der Möwen“ macht. Jetzt an meinem Geburtstag habe ich es mir das erste Mal angeschaut und ich muss sagen – Gut is er schon der Spitzer, wenn auch ein bisserl weinerlich, wenn es um die Liebe geht.

Was aus der Steiermark - lebensmitteltechnisch - nimmst du nach Kenia mit?

Diese Frage war eigentlich unnötig. Weil was nimmt ein Steirer mit, wenn er auf einen anderen Kontinent fährt: Drei Liter Kernöl und fünf Krenwurzen.

Hast Du Lieblingsplätze in der Steiermark?

Als gebürtiger Grazer ist das für mich der Glockenspielplatz. Dort gab es damals ja nur drei Lokale. Das war die Schnapsbude Haring, wo alle Granden der Literatur sich fest die Kraft gaben – nicht die Schaffenskraft. Dann gab es den Glockenspielkeller und gegenüber den Würstel-Sepp. Über Letzterem hat eine meiner engsten Freundinnen gelebt. Die Rickie Hinterleitner. Die ist einfach heute noch so ein loyaler, wunderbarer Mensch. Die nächste Versumper-Hölle war der Glockenspielkeller, wo ich das Glück hatte, im ersten EAV-Jahr mit der wilden Sonja Tschernoschek liiert zu sein. Wer das überlebt, hat den ersten Schritt zur Unsterblichkeit getan. Und der dritte Grund: Die Stammkneipe vom Paul Pizzera ist die Gamlitzer Weinstube. Und da zieht es mich irgendwie auch hin. Wenn ich den Paul dort treffe, fahre ich selten mit dem Auto selber heim. Dann das Café Fuchs am Hauptplatz in Feldbach, aber nur, wenn die Hannerl dort ist. Der Franziskushof in Unterlamm, da mein Sohn mehr als seine Spielzeuge Tiere liebt. Und dort gibt es von Kamelen über Affen alles. Familienfreundlich und empfehlenswert. Coronabedingt habe ich das Joglland, das Teichalmgebiet kennengelernt. Habe wunderbare Zeichnungen gemacht, das habe ich bis dato nicht gekannt. In das habe ich mich mit meiner Familie absolut verliebt. Die Steiermark ist schon ok.

Magst Du einem Blinden die Steiermark beschreiben?

Ich glaube leichter würde es mir fallen, ein Lied über die Steiermark zu machen. Habe ich denk ich noch nicht gemacht. Die Steiermark ist sowohl landschaftlich als auch kulturell wunderschön. Ich würde sagen ein Traumland. Für Biertrinker ein Schaumland, ich sage nur drei Worte: Gösser, Puntigamer, Murauer. Die Südsteiermark ist ein Traubenland, wer einmal dort war, weiß das zu schätzen. Sowohl visuell als auch…genau. Die Obersteiermark ist ein Taubenland, weil vor der Erfindung des Skis sind sie ja mit Fass-Tauben gefahren. Konfessionsbedingt ist es ein Glaubensland, von dem ich irgendwie ein bisschen abgewichen bin. Und was die Toleranz Fremden gegenüber betrifft – ich mein jetzt aber nicht die zahlenden Urlauber – sondern Flüchtlinge aus Kriegsgebieten. Für die kann das in manchen Fällen hin und wieder zum Albtraumland werden. Aber man kann sich immer verbessern.

Und zum Schluss vielleicht einen Spitzer-Spontanreim zur Steiermark?

Warum is da Most so stoak in da Oststeiermork?

 

Thomas Spitzer | © STG | Jesse Streibl
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Wordrap

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Meine zwei Kinder, meine geliebte Anna und mein Jungspross Gino

Liebenswert egoistisch.

Meine vertane Zeit in vielen sinnlosen Nächten.

Ja, Frank Zappa und Udo Lindenberg.

Alle Grenzen dieser Erde abzuschaffen und die Menschen vor ihren zwei tödlichsten Krankheiten zu heilen – die da wären Krieg führen und die Gier.

Picasso und ich.

Foo Fighters und Ramstein.

Bis vor kurzem noch Schweinsbraten, jetzt schon mehrfach indische, vegane Linsengerichte.

Fritz the Cat.

Die Trinkfestigkeit.

Wo i her kum, gehör i hin.

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