Auf den Spuren Peter Roseggers

  • 7 Minuten Lesezeit
  • Kulturgenuss im Grünen, Sommer
Weshalb man die Ausstellung "wald.heimat" unbedingt besuchen sollte, wo man am besten auf den Spuren Peter Roseggers wandeln kann und was der „Waldbauernbub“ wohl zur aktuellen Lage sagen würde – Das und noch mehr Spannendes aus unserem Interview mit Frau Russ-Panhofer, der Sammlungskuratorin für das Rosegger-Geburtshaus am Alpl und das Rosegger Museum in Krieglach.

Unser Interview führt uns in das von grünen Wiesen und Wäldern gesäumte Mürztal, hoch hinauf zum Alpl. Auf 1.150 Meter Höhe gelegen besuchen wir den Kluppeneggerhof, das Geburtshaus Peter Roseggers, um mehr über die „Waldheimat“ zu erfahren.

Liebe Frau Russ-Panhofer, Sie sind die Fachfrau für Peter Rosegger im Universalmuseum Joanneum und Sammlungskuratorin für das Rosegger-Geburtshaus und das Rosegger Museum. Welche Aufgaben umfasst Ihre Tätigkeit?

Bianca Russ-Panhofer: Zu meinen Aufgaben zählen die Sammlungspflege, die Aufnahme von neuen Objekten in die Sammlung, die digitale Inventarisierung von Objekten, der Aufbau unserer Bibliothek, die Organisation des Ausstellungsbetriebs- und der Vermittlungstätigkeit, die Bearbeitung von wissenschaftlichen Anfragen, aber auch Nebentätigkeiten wie Gartenarbeit – ich liebe die Vielfältigkeit meiner Tätigkeit, es wird auf jeden Fall nie langweilig. :-)

Was hat Sie dazu bewogen, sich näher mit der Persönlichkeit Peter Rosegger auseinander zu setzen? Können Sie sich noch an Ihren ersten „Rosegger-Moment“ erinnern?

Bianca Russ-Panhofer: Da ich in Kindberg aufgewachsen und in Krieglach zur Schule gegangen bin, bin ich nach meiner Tätigkeit in der Kulturhistorischen Sammlung am Universalmuseum Joanneum bei der Übertragung der Rosegger Gedenkstätten Geburtshaus und Museum an das Universalmuseum Joanneum beruflich wieder in meine Heimat zurückgekehrt. Wenn man in dieser Gegend aufwächst, kommt man nicht um Peter Rosegger herum. Der „Waldbauernbub“ lächelt aus nahezu jeder Speisekarte und auch von zahlreichen Bildern an Wänden. Außerdem erinnere ich mich an die Fernsehserie „Waldheimat“ aus den 80ern und die Landesausstellung von 1993.

Zahlreiche Werke stammen aus der Feder Peter Roseggers, haben Sie ein Lieblingswerk?

Bianca Russ-Panhofer: Persönliches Lieblingswerk habe ich keines, weil ich auch noch gar nicht alles gelesen habe. Wenn ich mich aber entscheiden müsste, wäre es der „Heimgarten“. Dabei handelt es sich um eine Zeitschriftensammlung aus 40 Bänden zu jeweils 12 Monatsschriften, aus der man viel über die damalige Zeit und Roseggers Einstellungen herauslesen kann. In seinen Beiträgen macht sich Rosegger Gedanken über Themen wie Kindererziehung, Mode, Medizin und Naturheilkunde aber auch über technische Errungenschaften. Man kann im „Heimgarten“ wundervoll die persönliche Entwicklung Peter Roseggers mitverfolgen und sehen, dass er sich nicht zu schade war, alte Denkmuster neu zu evaluieren und eventuell auch aufzugeben. Dies war sicher nicht immer leicht, wo er doch in einer patriarchal geprägten Gesellschaft aufgewachsen ist und an seinem zweiten Wohnsitz in der liberaleren Stadt Graz auf eine mitunter andere Welt stieß.

Gibt es ein Ausstellungsstück, das ihnen besonders ans Herz gewachsen ist?

Bianca Russ-Panhofer: Jein, es gibt mehrere, die ich ganz besonders spannend finde. Im Geburtshaus ist es vielleicht der Tisch in der großen Stube, der mich am meisten fasziniert, weil sich die Familie und das Gesinde damals rund um diesen versammelte, zum Essen, Beten, um Besucher zu bewirten. Im Museum selbst, sind die Chelsea Boots von Peter Rosegger wohl das spannendste Objekt für mich. Diese waren eine Schenkung durch die Schwiegertochter Peter Roseggers und angeblich das letzte Paar Schuhe, das Peter Rosegger besessen hat. Als ich diese damals in einem alten Kasten entdeckt habe, fand ich es sehr lustig, dass sich dieselben Stiefel auch in meinem Schuhschrank wiederfinden. Die Chelsea Boots wurden ursprünglich für Queen Victoria entwickelt und feiern nun in der Gegenwart ihr modisches Revival. 

Objekte werden spannend, wenn man sich die Geschichte dahinter ansieht.

Wie Sie bereits erwähnt haben, ist die ganze Region vom „Waldbauernbub“ geprägt. Welche Orte muss man gesehen haben, wenn man auf den Spuren Peter Roseggers wandeln will?

Bianca Russ-Panhofer: Es gibt natürlich klassische „Rosegger-Orte“, wie das Geburtshaus am Kluppeneggerhof, auf dem Peter Rosegger seine ersten 17 Jahre verbracht hat und das Museum in Krieglach, sein ehemaliges Sommerhaus, auch als Sterbehaus bekannt. Des Weiteren die Waldschule, deren Bau er initiiert hat, wie auch jenen der evangelischen Kirche in Mürzzuschlag. In St. Kathrein/Hauenstein findet man seine Lieblingskirche und eine kleine Ausstellung zu Rosegger und dem Ort. Überall in der Region findet man Spuren von Rosegger, sei es an seinem Grab in Krieglach, Denkmäler in verschiedenen Parks oder auf Wanderungen in der „Waldheimat“.

Derzeit kuratieren Sie gemeinsam mit Herrn Mag. Wirnsberger die Ausstellung „wald.heimat“. Warum sollte man diese Ausstellung unbedingt besucht haben?

Bianca Russ-Panhofer: Weil sie super ist (lacht). Die Ausstellung beschäftigt sich mit dem Begriff „Waldheimat“, welcher durch Rosegger erst bekannt gemacht und daraufhin sogar in topographische Landkarten aufgenommen wurde. Der Wald wird dabei auch literaturhistorisch beleuchtet und auf seine Verwendung in der Literatur, wie zum Beispiel in Grimm’s Volksmärchen eingegangen. Darüber hinaus wird der Wald aus unterschiedlichen Perspektiven betrachtet und seine Bedeutung damals der heutigen gegenübergestellt. Der Wald hat einen Wandel miterlebt: Vom Überlebensraum zum Erholungsraum.

Besonders spannend finde ich die teilweise längst vergessenen Waldberufe, die wir vorstellen. Vom „Pecher“, der den Bäumen das Harz abzapfte, welches dann unter anderem medizinisch verwendet wurde, bis hin zum „Ameisler“, der Ameisenpuppen sammelte und an Wiener Bürger als Futter für ihre Singvögel verkaufte. Wir erzählen von Menschen der ländlichen Unterschicht, die durch den Wald und im Wald ihr Überleben gefunden haben.

Die Ausstellung ist sehenswert für Kinder, aber auch für junggebliebene Erwachsene.

Wir befinden uns gerade in einer Ausnahmesituation. Was würde Peter Rosegger zur aktuellen Lage sagen, wenn er heute wiederauferstehen würde?

Bianca Russ-Panhofer: Ich glaube, wenn er jetzt aufwachen würde, wäre er ziemlich entsetzt. Nicht nur über den technischen Fortschritt und wie wir ihn nutzen, sondern auch darüber, wie wir miteinander umgehen. Die Moralvorstellungen mancher Politiker würden ihn vermutlich ebenso bestürzen. Ich glaube aber, dass ihm Greta Thunberg gefallen würde. Er würde es wohl (denke ich) großartig finden, dass sie sich für die Umwelt einsetzt, ihr der Klimaschutz so wichtig ist. Das war ihm auch immer sehr wichtig. Bezüglich Pandemie würde er möglicherweise zu mehr Hausverstand und Aufklärung aufrufen, vor allem wie man zum Beispiel durch gesunde Lebensweise das Immunsystem stärken kann. Wobei er sich mit seiner Lungenerkrankung wahrscheinlich schon vorsichtig und zurückhaltend verhalten hätte. Aber so wie man ihn aus seinen Schriften wie dem „Heimgarten“ kennt, würde er vor allem pragmatisch agieren.

Gibt es einen Platz, an dem Sie sich Peter Rosegger besonders nahe fühlen?

Bianca Russ-Panhofer: Das wäre dann wohl mein Arbeitsplatz – dieser ist direkt im Museum, wo ich in dem Zimmer arbeite, das Peter Rosegger als erstes bezogen hat. Dieses hat ihm angeblich seine Lungenkrankheit beschert, da er verfrüht ins Haus eingezogen ist und die Wände nach wie vor feucht waren. Von daher rührt auch Roseggers Aussage: Wenn man ein Haus baut, sollte man im ersten Jahr seinen Feind einziehen lassen, im zweiten Jahr seinen Freund und im dritten Jahr erst selbst darin wohnen.

Abseits von Peter Rosegger, sind Sie auch privat mit Literatur verbunden?

Bianca Russ-Panhofer: Sehr, ich lese unglaublich gerne, ich liebe Bücher. Dabei lese ich fast alles, querbeet sozusagen: Biographien, Historisches, Fantasy, Science-Fiction, Romane, Thriller wenn sie nicht zu grauenerregend sind und gerne auch Bücher von österreichischen Autoren der Gegenwart wie Andreas Gruber oder Marc Elsberg, um das Thrillergenre nochmal zu bemühen.

Halten Sie sich vermehrt in der Waldheimat auf oder zieht es Sie manchmal auch in die Ferne?

Bianca Russ-Panhofer: Ich liebe es zu reisen, in den vergangenen Jahren war ich meist mit lieben Freundinnen unterwegs. Gemeinsam erkunden wir europäische Hauptstädte – am liebsten auf dem Rad, weil man da in kurzer Zeit ganz viel zu sehen bekommt.

Eine Frage zum Abschluss: Gibt es Angebote und Veranstaltungen rund um Peter Rosegger, die man sich nicht entgehen lassen sollte?

Bianca Russ-Panhofer: Es gibt interessante literarische Veranstaltungen wie Lesungen oder die Adventgala, die vom Rosegger Bund organisiert werden. Außerdem gibt es das Angebot des Museumspicknicks im Rahmen von Kulturgenuss im Grünen. Zu gewissen Terminen kann man vor Ort mehr über die Lieblingsspeisen Roseggers wie Eierkuchen, Sterz und Grubenkraut erfahren und sich nach Vorbestellung einen Picknickkorb (Brettljause, Backhendl oder Vegetarisch) zusammenstellen lassen.

Im Winter gibt es zwei Höhepunkte:

  • Die Christtagsfreudewanderung, bei der man vom Kluppenegger Hof nach Langenwang wandert getreu der Weihnachtsgeschichte „Als ich die Christtagsfreude holen ging“. Entlang von Labstationen wandert man ins Tal und zieht dann mit Fackeln in Langenwang ein – besonders bezaubernd ist die Stimmung, wenn viel Schnee liegt.
     
  • Die Christmettenwanderung, bei der man am Heiligen Abend vom Kluppenegger Hof nach St. Kathrein wandert, lässt in abenteuerliche Geschichten eintauchen und auf Roseggers Spuren wandeln.
Tipp: Im Sommer zum Museumspicknick, im Winter zur Christmetten- oder Christtagsfreudewanderung.

Liebe Frau Russ-Panhofer, es war mir eine Freude - Danke vielmals für die Einladung und das nette Interview! :-)