Klettern im Gesäuse: Bergsteigerdorf Johnsbach – klein im Tal, groß am Fels
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- Region, Natur & Bewegung, Menschen & Geschichten
- Autorin: Hanna Giraudo
Ein Dorf mit ordentlich Höhenunterschied
Johnsbach liegt in einem Seitental der Enns, zwischen Hochtorkette und Reichensteingruppe. Das Ortsgebiet reicht von der Hartelsgrabenbrücke auf 521 Metern bis hinauf zum Hochtor auf 2.369 Metern. Auf 97,7 Quadratkilometern leben rund 150 Menschen. Macht etwa 1,5 Menschen pro Quadratkilometer.
Platz ist hier also vorhanden. Vor allem nach oben.
Seit 2015 gehört Johnsbach zur Gemeinde Admont. Ein gewöhnlicher Ortsteil ist es trotzdem nicht. Johnsbach trägt die Auszeichnung Bergsteigerdorf – und die bekommt man nicht allein deshalb, weil hinter dem Haus ein Berg steht.
Was ist eigentlich ein Bergsteigerdorf?
Bergsteigerdörfer sind kleine alpine Orte, die sich bewusst für einen naturverträglichen Tourismus entscheiden. Im Mittelpunkt stehen keine großen Inszenierungen, sondern eine intakte Natur- und Kulturlandschaft, ein lebendiges Dorf und echte alpine Kompetenz.
Die offiziellen Kriterien reichen von hoher Landschaftsqualität und einem harmonischen Ortsbild bis zu bergsportgerechter Infrastruktur, Mobilitätsangeboten und qualifizierten Partnerbetrieben. Intensivtouristische Großanlagen und technisch erschlossene Gipfel passen dagegen nicht zum Konzept.
Oder einfacher gesagt:
Weniger Spektakel.
Mehr Bergerlebnis.
Bei Johnsbach passt das ziemlich gut. Das Dorf liegt mitten im Nationalpark Gesäuse, wird von einer über Jahrhunderte gewachsenen Alm- und Bergkultur geprägt und besitzt mit seinen Gasthäusern, Schutzhütten, Bergführern und Klettergebieten eine bemerkenswerte alpine Infrastruktur.
Erst kamen Jäger und Hirten
Die Alpingeschichte Johnsbachs begann nicht mit Hanfseil und Karabiner.
Lange bevor Alpinisten ihre Namen in die Felswände schrieben, waren Jäger, Hirten, Bauern und Holzknechte in den Bergen unterwegs. Viele heutige Wanderwege folgen alten Almwegen, Viehtrieben und gefährlichen Schlittwegen, auf denen Holz ins Tal gebracht wurde. Auch Gipfelnamen wie Hochtor, Planspitze oder Stadelfeld erinnern an diese frühe Nutzung der Bergwelt.
Die eigentliche touristische Entdeckung des Gesäuses setzte 1872 mit der Eröffnung der Kronprinz-Rudolfsbahn ein. Plötzlich war die wilde Bergwelt leichter erreichbar. Bergsteiger aus vielen Ländern kamen ins Gesäuse, zeitweise wurden für den großen Andrang sogar Sonderzüge eingesetzt. Besonders Wiener und Grazer Alpinisten begannen, die steilen Wände systematisch zu erschließen.
Vom Wildschützenweg zur „Universität des Bergsteigens"
Eine der frühen Schlüsselstellen der Gesäusegeschichte ist der Peternpfad. Heinrich Heß und Andreas Rodlauer gelang 1877 die erste dokumentierte alpintouristische Durchsteigung. Der Überlieferung nach soll jedoch schon zuvor ein Wildschütze namens „Schwarzer Peter“ diesen Weg durch die Felsen zur Flucht genutzt haben.
Pfad klingt dabei fast ein bisserl zu gemütlich. Der Anstieg ist eine ausgesetzte leichte Klettertour bis zum zweiten Schwierigkeitsgrad und nicht versichert.
Ab den 1920er-Jahren wurde das Gesäuse schließlich als „Universität des Bergsteigens“ bekannt. Die besten Kletterer ihrer Zeit suchten hier nach den noch ungelösten Linien. 1936 fiel mit der Dachl-Rosskuppen-Verschneidung eines der großen damaligen „Probleme“.
Lehrsaal: Nordwand.
Prüfungsstoff: Fels, Orientierung und ziemlich starke Nerven.
Klettern in Johnsbach
Heute reicht das Angebot rund um Johnsbach von gut abgesicherten Sportkletterrouten bis zu langen alpinen Klassikern.
An Hochtor, Ödstein und Festkogel warten Touren in sehr unterschiedlichen Schwierigkeitsgraden. Bekannte Anstiege wie der Kirchengrat auf den Großen Ödstein verbinden klassische Kletterei mit erheblicher Kletterhöhe, anspruchsvoller Orientierung und langem Abstieg.
Das ist kein Fels für schnelle Hakerl auf der To-do-Liste.
Viele Routen sind ernst, die Zustiege lang und Rückzugsmöglichkeiten begrenzt. Erfahrung, passende Ausrüstung, stabile Wetterverhältnisse und sorgfältige Tourenplanung gehören unbedingt dazu. Für Einsteiger oder Gebietsfremde empfiehlt sich die Begleitung durch einen heimischen Bergführer.
Sportklettern ist unter anderem in den ausgewiesenen Klettergärten am Johnsbach möglich. Im Nationalpark gilt dabei: bestehende Routen und ausgewiesene Zustiege nutzen, Brutbereiche respektieren und Kletterverbote in den ausgewiesenen Natura-2000-Flächen beachten. Neue Klettersteige und die Neuerschließung von Sportkletterfelsen sind im Nationalpark nicht gestattet.
Klettertouren rund um Johnsbach
Kletterregeln im Nationalpark Gesäuse
Drei Hütten. Viele Möglichkeiten.
Wer früh einsteigen oder nach der Tour nicht gleich ins Tal zurückkehren möchte, findet rund um Johnsbach drei wichtige alpine Stützpunkte:
Die Hesshütte auf 1.699 Metern liegt auf der Südseite der Hochtorgruppe. Sie ist Ausgangspunkt für zahlreiche Berg- und Klettertouren rund um Hochtor, Hochzinödl und Planspitze.
Die Haindlkarhütte auf 1.121 Metern steht unter den gewaltigen Nordwänden der Hochtorgruppe. Von hier beginnen unter anderem Touren Richtung Peternpfad, Dachl und Roßkuppe.
Die Mödlingerhütte auf 1.523 Metern liegt auf der anderen Seite des Tales unter dem Admonter Reichenstein und öffnet den Blick auf die gesamte Hochtorgruppe.
Drei Hütten.
Drei Blickwinkel.
Und vermutlich mehr Tourenideen, als in einen Urlaub passen.
Ein Friedhof, der Alpingeschichte erzählt
Am Ortsanfang, rund um die Pfarrkirche zum heiligen Ägydius, liegt der berühmte Johnsbacher Bergsteigerfriedhof. Von hier führt der Blick über den Kirchengrat direkt hinauf zum Ödstein.
Auf den Kreuzen und Gedenksteinen stehen Namen, die zur Geschichte des Alpinismus gehören. Gustav Jahn, Fritz Schmid und Hubert Peterka fanden hier ihre letzte Ruhestätte. Die seit 1810 geführte Verunglücktenliste umfasst hunderte Namen. Der Bergsteigerfriedhof ist deshalb keine Sehenswürdigkeit, die man schnell abhakt.
Er ist ein Ort zum Innehalten. Und eine Erinnerung daran, dass Mut und Verantwortung am Berg immer zusammengehören.
Erst klettern. Dann einkehren.
Auch das gehört zur Johnsbacher Alpingeschichte: Nach der Tour trifft man sich im Tal.
Der Gasthof Zum Donner liegt unmittelbar beim Bergsteigerfriedhof und serviert steirische Hausmannskost. Etwas weiter hinten im Tal ist der Kölblwirt seit Generationen Treffpunkt für Wanderer, Skitourengeher und Kletterer. In den urigen Gaststuben wird Styria-Beef aus der eigenen Landwirtschaft serviert – Bergsteigergespräche meistens inklusive.
Auch der Gasthof Ödsteinblick gehört zu den offiziellen Partnerbetrieben des Bergsteigerdorfes. Diese Betriebe stellen sich besonders auf Bergsportler ein und unterstützen unter anderem mit Toureninformationen und alpinem Know-how.
Gasthäuser und Bergsteigerdörfer-Partnerbetriebe in Johnsbach
Fels oben. Fels unten. Sterne darüber.
Wer noch nicht genug vom Gestein hat, kann im hinteren Johnsbachtal unter die Erde wechseln. Die 470 Meter lange Odelsteinhöhle wurde bereits 1910 als Schauhöhle erschlossen und 1931 zum Naturdenkmal erklärt. Besichtigungen sind nur im Rahmen einer fachkundigen Führung und nach vorheriger Anmeldung möglich.
Und wenn es draußen dunkel wird?
Dann zeigt Johnsbach noch eine andere Stärke. Laut Messungen befindet sich hier der dunkelste Nachthimmel Österreichs und sogar des gesamten Alpenraums. Künstliches Licht wird bewusst reduziert, damit natürliche Dunkelheit erhalten bleibt.
Stirnlampe aus.
Kopf zurück.
Noch einmal staunen.
Johnsbach bleibt hängen
Wegen der Wände. Wegen der Geschichten. Wegen der Menschen in den Hütten und Gasthäusern.
Vor allem aber, weil Bergsteigen hier nicht bloß Freizeitprogramm ist. Es gehört zum Dorf. Seit Generationen.
Johnsbach ist keine große Bühne.
Aber vielleicht genau deshalb einer der wichtigsten Orte der Alpingeschichte im Gesäuse.