Heinrich Hess: Der Mann, der das Gesäuse auf die Landkarte brachte
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- Menschen & Geschichten, Region
- Autorin: Hanna Giraudo
Ein Wiener entdeckt das Gesäuse
Heinrich Hess war Wiener, Metallwarenfabrikant, Alpinist und Autor. In den 1870er-Jahren begann er, die damals touristisch noch kaum erschlossenen Gesäuseberge intensiv zu erkunden. Das Gebiet ließ ihn nicht mehr los. Gemeinsam mit einheimischen Begleitern und anderen Alpinisten erschloss Hess Gipfel und Anstiege, dokumentierte Touren und machte Wissen zugänglich, das zuvor vor allem Jägern, Hirten und Einheimischen vorbehalten war.
Dabei ging es ihm nicht nur darum, selbst neue Wege zu gehen. Als Obmann der Alpinen Gesellschaft „D’ Ennsthaler“ war Hess maßgeblich daran beteiligt, eine alpine Infrastruktur aufzubauen. Wege wurden erkundet, beschrieben, verbessert und später teilweise versichert. Aus persönlicher Entdeckerlust wurde damit etwas, das auch anderen Menschen den Zugang zu den Gesäusebergen ermöglichte.
Vom Jagdsteig zum Bergweg
Ein besonders gutes Beispiel dafür ist der Wasserfallweg. Gemeinsam mit dem Gstatterbodener Forstmann Andreas Rodlauer beging Hess den Weg 1877 erstmals touristisch. Was heute als alpiner, versicherter Steig bekannt ist, war damals noch eine ganz andere Angelegenheit. 1891/92 bauten die „Ennsthaler“ den Wasserfallweg schließlich als gesicherten Steig aus.
Viele Wege im Gesäuse waren zu dieser Zeit zunächst Jagdsteige oder Almwege. Hess und seine Mitstreiter erschlossen und dokumentierten sie für den Alpinismus und bauten das Wegenetz weiter aus. Damit entstand Schritt für Schritt etwas, das heute ganz selbstverständlich zum Gesäuse gehört: ein Netz an Wegen, das Menschen mitten hinein in die Bergwelt führt.
Ein Dach über dem Kopf gehört dazu
Doch Wege allein reichten nicht. Wer weiter ins Gebirge vordringen und mehrere Tage unterwegs sein wollte, brauchte auch einen Platz zum Übernachten. 1885 wurde die Ennstalerhütte eröffnet, 1893 folgte die Hesshütte. Damit wurden mehrtägige Aufenthalte in den Gesäusebergen wesentlich leichter möglich.
Die Hesshütte trägt den Namen des Gesäuse-Pioniers bis heute. Sie liegt auf 1.699 Metern am Ennsecksattel und ist ein wichtiger Ausgangspunkt für Touren rund um Hochtor, Planspitze und Zinödl. Heinrich Hess ist damit nicht nur eine historische Figur, die in alten Büchern auftaucht. Sein Name steht bis heute mitten in jener Bergwelt, für deren Erschließung er sich eingesetzt hat.
Der Gesäuse-Guide des 19. Jahrhunderts
Hess erkannte aber auch: Wege und Hütten helfen nur dann, wenn die Menschen wissen, wo sie zu finden sind. 1884 veröffentlichte er deshalb seinen „Special-Führer durch das Gesäuse und durch die Ennsthaler Gebirge zwischen Admont und Eisenerz". Darin beschrieb er Orte, Wege und Tourenmöglichkeiten und machte sein über Jahre gesammeltes Wissen öffentlich zugänglich. Der Führer gilt als ältester deutschsprachiger alpiner Gebietsführer.
Was heute Wanderkarte, Website und Touren-App übernehmen, musste damals mühsam zusammengetragen, beschrieben und veröffentlicht werden. Hess verfasste darüber hinaus Tourenberichte und arbeitete an Kartenwerken mit. Damit machte er aus persönlichem Wissen öffentlich verfügbares Wissen – und schuf eine wichtige Grundlage dafür, dass auch Menschen ohne Ortskenntnis das Gesäuse entdecken konnten.
Mit dem Nachtzug zum Berg
Erstaunlich modern wirkt auch Hess' Verständnis von Mobilität. Die zwischen 1868 und 1872 errichtete Strecke der Kronprinz-Rudolf-Bahn durch das Gesäuse machte die Region für Alpinisten aus Wien wesentlich leichter erreichbar. Hess erkannte die Möglichkeiten dieser Verbindung und regte bei den Österreichischen Staatsbahnen einen „Gesäuse-Nachtzug“ an. Die Idee dahinter: Wiener Bergsteiger sollten ihren freien Sonntag im Gesäuse verbringen können. Seine Alpine Gesellschaft setzte sich außerdem für eine eigene Bergsteiger-Haltestelle bei der Kummerbrücke ein.
Anreise und Bergerlebnis wurden also schon im 19. Jahrhundert zusammengedacht. Einsteigen, ins Gesäuse fahren, aussteigen und losgehen – eine Idee, die heute im Zusammenhang mit klimafreundlicher Mobilität wieder erstaunlich aktuell klingt.
140 Jahre Alpenverein Admont
Auch die Geschichte des Alpenvereins in Admont ist eng mit Heinrich Hess verbunden. Auf seine Anregung wurde 1886 der „ÖAV Admont-Ennsthal“ gegründet, aus dessen Geschichte der heutige Alpenverein Admont-Gesäuse hervorgegangen ist. 2026 jährt sich diese Gründung zum 140. Mal – ein Anlass, bei dem auch an Hess und seine Bedeutung für die Region erinnert wurde.
Am 4. September 2026 widmete sich der Alpenverein Admont-Gesäuse im Rahmen des Heinrich-Hess-Gedenkjahres seinem Wirken. Denn Hess war nicht einfach nur ein Bergsteiger, der besonders früh im Gesäuse unterwegs war. Er gehörte zu jenen Menschen, die entscheidend dazu beitrugen, aus einem schwer zugänglichen Gebirge eine Region zu machen, die auch von Gästen erwandert und erlebt werden konnte.
Und was ist geblieben?
Ziemlich viel. Wege, die noch heute begangen werden. Hütten, die Bergsteigerinnen und Bergsteigern Schutz und Unterkunft bieten. Tourenwissen, das Hess schon im 19. Jahrhundert systematisch sammelte und weitergab. Ein Alpenverein, dessen Geschichte eng mit seinem Namen verbunden ist. Und nicht zuletzt die Idee, dass Berge nicht nur entdeckt, sondern auch verantwortungsvoll zugänglich gemacht werden können.
Natürlich hat sich seit Heinrich Hess vieles verändert. Karten stecken heute im Smartphone, Zugverbindungen werden per App gesucht und Touren sind mit wenigen Klicks geplant. Aber dann steht man am Einstieg zum Wasserfallweg oder sitzt vor der Hesshütte und schaut hinüber Richtung Hochtor. Und plötzlich sind 140 Jahre gar nicht mehr so weit weg.