Pless: Im dunklen Schatten der prächtigen Faschingsfiguren
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- Tradition & Brauchtum
Das Ausseerland ist besonders. Hier treffen einzigartige Menschen auf eine unvergleichbare Naturkulisse. Diese Kombination ist seit jeher ein fruchtbarer Nährboden für alte Traditionen und manchmal seltsam anmutende Bräuche. So manche Besucherin staunt nicht schlecht, was sich hier Jahr für Jahr knapp 50 Tage vor Ostern abspielt. Der Fasching zählt im Ausseerland zu den „höchsten Feiertagen“ im Jahreskreis – und das wohl nicht primär aus liturgischer Ergebenheit. Dem großen und leider im Jänner 2024 verstorbenen Ausseer Schriftsteller Alfred Komarek wird das Zitat zugeschrieben, dass es im Ausseerland nicht fünf, sondern doch nur vier Jahreszeiten gäbe: „Vor dem Fasching, nach dem Fasching, vor dem Kiritog und nach dem Kiritog“. Neben dem Fasching gilt der Altausseer Kiritog („Kirchtag“) als zweites großes Volksfest der Einheimischen. Die „fünfte Jahreszeit“ braucht es demnach gar nicht, um den Fasching in seiner Wertigkeit richtig einschätzen zu können. Er lebt von der fast mystischen Faszination des Loslassens vom Alltag, hier kann jeder Rollen einnehmen, die ihm im restlichen Jahr verwehrt bleiben. Genau das war nach verbreiteter These auch der Ursprung des Ausseer Faschings.
Salzgeschichte
Gegen Ende des 13. Jahrhunderts wurden die Salzpfannen von Altaussee nach Bad Aussee verlegt, um per Trift den Holzbedarf zur Befeuerung zu decken. Die Kurstadt erlebte ihren ersten großen Aufschwung, erlangte das Marktrecht und gewann bei den steirischen Landesfürsten an Ansehen. Die Ausseer wussten schon immer, wie sie Salz am besten gewinnen konnten, was den Hallingern, den wichtigsten Beamten des Salzamtes, Macht und Autonomie verlieh und zur Entstehung eines selbstbewussten Bürgertums beitrug. Im 15. Jahrhundert wurden die Hallinger entmachtet und unter Kaiser Friedrich III. dem Hof unterstellt. Alle in der Salzgewinnung tätigen Personen wurden Staatsbedienstete und unterstanden den beamteten Salzverwesern. Einmal im Jahr durften die Untergebenen ihren Herren aber in satirischer Form die Meinung sagen, zu „Vaschang“. Die erste schriftliche Erwähnung des Ausseer Faschings findet sich 1524 in Akten der Salzverweser. Darin wurde festgehalten, dass die Insassen des Salinenspitals am Meranplatz an hohen Festtagen Wein bekamen, darunter Allerheiligen, Vaschang, Anntlaß (Gründonnerstag) und Karfreitag. Aus Eintragungen im Ratsprotokoll von 1703 geht hervor, dass es auch Übertreibungen gab: Die Masquarady wurde wegen „erhöblicher Ursachen“ reguliert und eingeschränkt. Wer die Ausseer kennt, kann vermuten, dass sie trotzdem Mittel fanden, ihre hohen Feiertage gebührend zu feiern.
Salz verbindet
Im Ausseerland liegen die Wurzeln des Faschings also auch in den Gewohnheiten der Salzgewinnung, ergänzt durch christliche Traditionen. Nach der Gegenreformation ab 1599 gewann mit der Rückkehr der katholischen Fastenzeit die Völlerei des Faschings an Bedeutung. Der ursprünglich heidnische Brauch des „Winteraustreibens“ ist ebenfalls tief verankert und erhielt eine eigene Figur.
Die Pless
der symbolisierte Winter im Ausseer Fasching
Im Fasching kann man viele individuelle Figuren und große Gruppen traditioneller Herkunft bestaunen. Alle haben ihren Ursprung entweder im beruflichen Bereich oder erfüllen eine Symbolik im Übergang von der kalten auf die warme Jahreszeit. Die prachtvollen Flinserl repräsentieren den Frühling, und die Pless nehmen im närrischen Treiben die Position des Winters ein. Sie sind nicht so präsent wie die Trommelweiber oder glamourös wie die mit Silberflitter bestickten Flinserl. Auch erreichen sie weder die Beliebtheit der „Maschkerafischer“ noch die Unbekümmertheit der klassischen „Maschkera“. Die Pless sind anders, wie der Altausseer Ethnologe Christoph Auerböck beschreibt: „Während die Flinserln mit ihren auffallenden bunten, mit Pailletten bestickten Gewändern und die lärmenden Trommelweiber mit ihren neckischen altmodischen Nachthemden und Spitzenhäubchen im Mittelpunkt stehen, agiert eine Gruppe als dunkles, ja furchterregendes Gegenstück – die Pless“. Sie sind in einfache Overalls gekleidet und halten Besenstiele mit schmutzigen Fetzen umwickelt in ihren Händen. Als Kopfbedeckung dient ein alter Bienenkorb, sodass der junge Mann hinter der Maske nicht zu erkennen ist.
Die Pless laufen meist in Gruppen durch die Straßen und „jagen“ Jugendliche, die versuchen, die Faschingsfiguren mit Rufen auf sich aufmerksam zu machen. „Pless, Pless“ ist zu hören, ehe sich die Schmähführer auf die Flucht begeben, denn der Kontakt mit den Fetzen der Figuren ist meist nass und mitunter schmerzhaft. Immer wieder suchen sich die Pless schmutzige Lacken und Ecken, um ihre Fetzen mit Wasser und Dreck abzuschrecken.
Bis in die 1960er-Jahre trieben die Pless am Faschingssonntag ihr Unwesen in Bad Aussee, im Jahreskreis gefolgt von den Trommelweibern am Montag und den Flinserl am Dienstag. Mit der Zeit verlor der Sonntag an Bedeutung, sodass die Pless ihr Treiben auf den Faschingsdienstag verlegten. Im Gegensatz zu anderen Faschingsfiguren gibt es bei den Pless keine Zuordnung zu ursprünglichen Gesellschaftsschichten. Früher nutzten Kinder aus Arbeiterfamilien die Pless, um ohne großen Verkleidungsaufwand am Fasching teilzunehmen.
Das Revier der Wintergestalten ist meist der Bad Ausseer Kurpark. Dort werden sie von Kindern und Jugendlichen mit Schmährufen und Schneebällen bedacht, was zu lustigen Verfolgungsjagden führt. Die Pless schwingen dabei ihre nassen Fetzen, zeigen aber auch eine sanfte Seite und nehmen sich Zeit für Fotos mit neugierigen Kindern. Sie sind frei organisiert, die Anzahl variiert von Jahr zu Jahr und hängt von äußeren Bedingungen ab. Schnee und Tauwetter sind ideal, da viele Lacken zum Durchnässen der Fetzen vorhanden sind. Es kommt auch vor, dass es Jahre ohne Pless gibt, wenngleich selten.
Ein fixierter Bestandteil ist der Bienenkorb als Kopfbedeckung, dessen Ursprung unklar ist. Er ermöglichte früher die Teilnahme unabhängig von sozialen Schranken und schützt heute gegen Schneebälle. Seit 2004 tragen die Pless traditionelle weiße Salinengewänder, was die Gruppe einheitlicher und organisierter macht. Geheimnisse begleiten sie dennoch, etwa beim Ursprung des Namens. Ethnologe Auerböck vermutet, dass „Pless“ von „bleschen“ stammt, was „ins Wasser schlagen“ bedeutet. Wie bei allen Figuren des Ausseer Faschings geht es aber nicht um Rätsel, sondern um Vergnügen, dem sich die Ausseer seit Jahrhunderten hingeben – so wie die Pless am Faschingsdienstag im Stadtzentrum von Bad Aussee.