Peter Simonischek | © STG | Jesse Streibl Peter Simonischek | © STG | Jesse Streibl
In Gedenken an unseren geschätzten 💚-Botschafter

Peter Simonischek

In der Nacht auf den 30. Mai 2023 ist der beliebte Schauspieler Peter Simonischek leider verstorben. Wir trafen unseren Herzbotschafter Peter Simonischek in Ziegenberg bei Ilz in der Oststeiermark zu einem seiner letzten großen Interviews.

Unter einem mit Weinreben bewachsenen Vordach mit zwitschernden Vögeln und weitem Blick ins Land waren wir Gast beim gefeierten Schauspieler Peter Simonischek und sprachen mit ihm über Beruf und Berufung, das Schwammerlsuchen, Heimatverbundenheit und überhaupt seine besondere Beziehung zur Steiermark.

Herr Simonischek, einige Karriere-Highlights im Schnelldurchlauf: Ehrenmitglied des Burgtheaters, Grimme-, Nestroy-, Ernst-Lubitsch-Preis, Deutscher- und Europäischer Filmpreis, Ehrendoktorat der Kunsthochschule Graz, umjubelter Jedermann in Salzburg, verehrt auf der Berliner Schaubühne und überhaupt in der deutschsprachigen Theater- und Filmszene. Mehr geht nicht, was macht das mit einem? Wie behält man da die Bodenhaftung?

Ja, das ist eine gute Frage. Die Bodenhaftung zu behalten war nie mein Problem. In unserem Beruf ist wichtig, dass sich der notwendige Ehrgeiz mit der Eitelkeit die Waage hält. Immer wenn die Eitelkeit größer wird und der Ehrgeiz zu sehen ist, wird es problematisch. Diese Diskrepanz war bei mir immer gut verteilt, ich hatte nie das Problem, die Bodenhaftung zu verlieren. Vielleicht kommt es auch daher, dass ich jemand bin, der nicht aus allen Wolken fällt, wenn er einen derartigen Preis erhält. Ich habe da auch aufgrund meines Alters einen nüchternen Blick darauf. In einem gewissen Alter kommen, wenn man Erfolg hat, eben ein paar Preise zusammen. In meiner Jugend musste ich eigentlich dauernd darauf verzichten. Ich hatte ziemlich viele Dankesreden vorbereitet, die habe ich heute noch archiviert, die habe ich nie gebraucht. Aber es gibt schon einige, die mir wirklich große Freude machen und für die ich große Ehre empfunden habe, das ist der Ehrendoktor der Kunstuniversität Graz. Mit welch´ gemischten Gefühlen und Ängsten ich dort als Student im Hof oft auf und ab gegangen bin und dann werde ich dort mit Fanfaren und Posaunen empfangen.

Ein Ihnen sehr vertrauter Journalisten-Freund sagt, dass er außer Schwarzenegger niemanden kennt, der eine so hohe Heimatverbundenheit hat. War die immer da oder ist sie mit zunehmendem Alter gewachsen?

Sie ist größer geworden. Denn Heimatverbundenheit ist ja auch ein Teil der Jugend, an die man sich gerne erinnert. Für mich sind die Ingredienzien der Heimatverbundenheit meine Kindheit im Kuhstall und als Ministrant und mit dem Nachbarbuben beim Hütten bauen im Wald und beim Schwarzbeeren suchen. Kindheitserinnerungen, das ist es, was das Heimatgefühl ausmacht. Es ist aber auch eine heikle Angelegenheit, denn puh, was wird mit Heimatgefühl und Nationalismus für Schindluder getrieben. Ich freu mich, wenn ich sowas höre, wie dass die Steiermark auf ihre Wälder achtet. Kürzlich gab es in den Nachrichten lauter miese Neuigkeiten. Eine gute Nachricht aber war, dass in Österreich der Waldbestand jedes Jahr um soundso viel Prozent steigt. Das ist doch wunderbar, da kann man doch stolz sein. Und dass davon die Steiermark das grünste Land ist, ist doch auch schön zu wissen.

Sie haben Ihren Hauptwohnsitz in Wien, sind aber auch in der Steiermark und in Griechenland sesshaft. Die Hütte auf der Teichalm ist ein Erbstück des Vaters, aber wie hat es Sie nach Ziegenberg verschlagen, hierher, wo wir gerade sitzen?

Als ich 1984 meine erste Rolle bei den Salzburger Festspielen gespielt habe, das war der Torquato Tasso am Landestheater, da stand halt so ein bisschen eine Gage in Aussicht. Da sagte ich zu meinem Vater, dass ich das Bedürfnis habe, ein Stückchen Land zu besitzen, eine Wiese oder ein Stück Wald. Frag doch einmal bei deinen Patienten rum. Das hat er ernst genommen und irgendwann hat er das Grundstück hier am Ziegenberg vorgeschlagen. Das habe ich damals gekauft, es war gar nicht so teuer. Meine Freunde wollten wissen, was ich mit der darauf befindlichen „Keischn“ will, das Haus war ja teilweise aus Lehm und Stroh gebaut. Ich habe es dann stehen lassen, an heißen Tagen wie heute ist es dort angenehm kühl. 

Wo fühlen Sie sich in der Steiermark am wohlsten?

Im Winter ist es die Teichalm, weil man dort Skifahren kann, im Sommer ist es der Ziegenberg. Ich habe hier auch gewohnt, als ich am Grazer Schauspielhaus gespielt habe. Ich hatte dort ja zwei Produktionen gemacht in der Ära Anna Badora. Ich habe hier gewohnt und bin jeden Tag hin und her gefahren, das war wunderbar, ich habe das sehr genossen.

Peter Simonischek | © STG | Jesse Streibl
Peter Simonischek | © STG | Jesse Streibl
„Eine warme Manteltasche mit Maroni ist eine wunderschöne Kindheitserinnerung“

Sie sind in Graz geboren, in Markt Hartmannsdorf aufgewachsen. Dort sind Sie Ehrenbürger, mit dem Peter Simonischek-Literaturbrunnen besitzt der Ort eine kulturelle Attraktion. Zusammen mit ihrer Frau, der Schauspielerin Brigitte Karner, initiierten sie den Literaturpreis ,,Wortschatz“. Sie sind ein Star zum Angreifen, wie gehen die Leut´ mit ihnen um, empfinden Sie ihren Beruf nicht ein bissl exotisch?

Ursprünglich hat man meinen Wunsch Schauspieler zu werden nicht nur hier in der Gegend als extrem exotisch empfunden sondern selbst in meiner Familie. Es gab ja bis dahin keinen. Im Sommer kam ich manchmal her. Als ich dann am Theater war, war ich in Deutschland und in der Schweiz. Ich hatte das Bundesheer aufgeschoben, ich durfte daher nicht allzu lange in Österreich verweilen. Es war keine Fahnenflucht, aber ich konnte eben wegen der Meldung beim Heeresersatzkommando nicht mehr länger als 22 Tage hier sein. Es gab da auch eine kabarettistische Begebenheit an einer Tankstelle. Ich fuhr einen Golf GTI. Ich wurde von Bekannten gefragt, was ich da so mache, ah Schauspieler, haben wir eh gehört im Radio, Du, kann man davon auch leben? Habe ich gesagt, najo und er, na ich seh eh, hast ja einen Golf. (lacht) Zweifel hatten ja nicht nur die Menschen in der Umgebung. Mein Vater hat dann gesagt, ich habe dich ja nicht die Matura machen lassen, dass du dann in einer Dachkammer verhungerst. Das waren die ganz normalen Befürchtungen und Ängste, die man hatte nach dem Krieg, wenn man sich etwas aufgebaut hatte und damit leben musste, dass der Sohn nicht in die Fußstapfen tritt. Ich hatte jedoch selbst in den größten Auseinandersetzungen mit meinem Vater Verständnis für seine Position.

Dabei wollte ihr Vater ja, dass Sie wie er Mediziner werden, Sie haben sich offensichtlich mit Erfolg dagegen gesträubt. Wie wichtig ist Widerstand, besonders für junge Menschen?

Die Frage ist, Widerstand wogegen? Ich finde, dass es im Moment bei der Jugend nicht an Trägheit am Widerstand krankt, sondern eher an Fundamenten im Wissen, in der Bildung, die sie für ein demokratisches Verhalten geeignet macht. Das finde ich im Moment viel wichtiger. Weil Widerstand ist ja über jeden zweiten Algorithmus im Internet zu haben. Das ist ein Verhängnis.

Ein fixer Heimat-Besuch in Hartmannsdorf ist für Sie Allerheiligen. Erinnern Sie die Maroni immer noch an Ihre Kindheit?

Hier in der Region ist es ein Ritual, dass man sich an Allerheiligen um 14 Uhr am Friedhof trifft. Da steht dann an jedem Grab die Familie, das wird schon registriert, ob man hier steht. Ich mag dieses Ritual. Ich habe immer versucht, wenn es irgendwie ging, am Grab meiner Eltern zu stehen. Ich habe wahnsinnig gerne diese Maroni, die waren in meiner Kindheit ja immer in Zeitungspapier-Stanizel eingewickelt. Graz etwa war für mich zum Beispiel immer eine typische Maronistadt. Eine warme Manteltasche mit Maroni drinnen ist eine wunderschöne Kindheitserinnerung.

Peter Simonischek | © STG | Jesse Streibl
Peter Simonischek | © STG | Jesse Streibl

Wie würden Sie einem Blinden die Steiermark erklären?

Ich würde ihn Waldesrauschen hören lassen, das Gemurmel eines Baches, das Balzen eines Auerhahns und im September das Röhren eines Hirschen. Und damit das Gleichgewicht stimmt, eine Runde Formel 1 in Spielberg.

Wenn sie jemand darum bittet, ihm fünf Sehenswürdigkeiten zu nennen: wie würden Ihre Empfehlungen lauten?

Als erstes fällt mir natürlich als gebürtiger Grazer der Uhrturm ein. Dann das schöne Ausseerland, die Obersteiermark, in der Nudelsuppe spiegelt sich die Dachsteingruppe. Dann gibt es schöne Schwammerlwälder, die ich niemandem verraten würde. Ich bin ja permanent auf der Jagd nach Plätzen, denn die aus meiner Jugend gibt es ja leider nicht mehr. Um 5 Uhr früh ist der Nachbar schon losgegangen und mit den größten Steinpilzen heimgekommen, da bin ich vor Neid erblasst. Einmal, meine Frau und ich haben uns gerade aufgemacht zum Schwammerlsuchen, hat mich an der Kassa des Supermarktes eine Frau gefragt, ob sie ein Autogramm bekommt. Dann habe ich geantwortet, nur, wenn sie mir einen Schwammerlplatz verrät (lacht). Nein hat sie gesagt, na dann gibt es kein Autogramm. Dann hat sie mir doch einen verraten. Wir sind dann mit einem großen Korb voll nach Hause gekommen.

Gibt es für Sie in der Steiermark eine bevorzugte Jahreszeit?

Mir gefällt der Herbst auf der Teichalm wahnsinnig gut. Wenn dann die Ebereschen mit den roten Früchten drauf ganz gelbe Blätter haben. Wenn sich die steirischen Laubwälder verfärben ist das traumhaft schön, da kann man sich nicht sattsehen. Im Frühling, so Anfang April, habe ich immer eine Münze in der Hosentasche. Wissen Sie warum? Wenn man den ersten Kuckuck hört, muss man eine Münze in der Tasche haben, sonst verarmt man im kommenden Jahr. Im Sommer bin ich dann aber auch sehr gerne am Meer in Griechenland. Das hat übrigens auch eine steirische Tradition. Die griechische Gegend, in die ich mit gut 20 Jahren gekommen bin, heißt Melina. Es gibt vom deutschen Autor Gert Hellwig einen Roman mit dem Titel „Raubfischer in Hellas“. Der Held dieses Romans nennt sich Xenophon. Der hat ein lebendiges Vorbild in einem Grazer namens Alfons Hochhauser. Das war ein Aussteiger, er ist vor dem 2. Weltkrieg nach Griechenland ausgewandert. Er hat sich dort zum Dynamitfischer ausbilden lassen. Er ist dort heute noch eine legendäre Gestalt. Aus einem aufgelassenen Kloster hat er Zimmer gemacht und vermietet. Steirer die das Buch gelesen haben, wollten ihren Landsmann kennenlernen. Viele haben ihn dort besucht. Noch heute sind sehr viele Steirer dort in der Gegend am Campingplatz auf Urlaub.

Zurück auf die Bühne. Sie sind der Jedermann, der am öftesten am Domplatz gespielt hat, wenn´s stimmt, inklusive Generalproben genau 100 Mal aufgetreten. War der Jedermann die Rolle ihres Lebens, oder gibt es überhaupt eine?

Es gibt immer wieder Rollen, mit denen man sich leichter und mehr identifizieren kann als mit anderen. Manche Schauspieler sind ja große Versteller, wie etwa Gert Voss, den ich sehr geschätzt und mit dem ich sehr gerne gespielt habe. Immer wenn er auf die Bühne gekommen ist, hat er sich verwandelt. Dann gibt es andere wie den Hans Moser, der ist immer der gleiche. Ein wunderbarer Schauspieler aber eben immer gleich. So ist immer die Frage, wo ist die Figur, in der man sich am besten, am freiesten bewegen kann. Was interessiert uns auf der Bühne, was interessiert unsere Zuschauer? Der Moment, der nicht vorherberechnet ist, an dem man sich und das Publikum überrascht. Der Moment, wo wir Schauspieler genau wissen – jetzt hat er´s. Der Jedermann war für mich durchaus so eine Rolle. Ich zögere immer zu sagen, eine Rolle, denn er ist mehr als eine Rolle. Die Figur auf der Bühne kann man, wenn man möchte, leben. Das war mein Streben und ich bin heute noch der Meinung, dass ich es in diesem Punkt weit gebracht habe.

Peter Simonischek | © STG | Jesse Streibl

Wie sehr hat Sie eigentlich Hollywood gejuckt? Mit Toni Erdmann waren Sie vor fünf Jahren für den Auslands-Oscar nominiert.

Wenn Du Schauspieler wirst, ist es immer ein Running Gag: Hollywood hat angerufen (lacht). Ein von mir geschätzter Kollege, Heiner Lauterbach, hat gesagt: Wie soll mein Sohn heißen? Also ich habe es leid auf ihn zu warten, ich nenne ihn Oscar. Damit er einen Oscar sicher hat. (lacht). Ob man will oder nicht, den Oscar hat jeder im Hintergrund. Bei manchen Sachen möchte man gern dabei sein. Ich könnte mir aber nicht vorstellen, in Hollywood zu leben. Ich hatte auch Angebote für Serien wie „Better call Saul“, die ich sehr schätze. Aber da hätte ich monatelang irgendwo in der mexikanischen Wüste sein müssen, und das konnte ich gar nicht, da ich immer zweigeleisig - sprich Theater und Film - gefahren bin. Ich war immer am Theater, das habe ich als meine Heimat begriffen und den Film sozusagen als Liebschaft im besten Fall. Arnold Schwarzenegger habe ich einmal bei einem Rennen in Schladming getroffen. Als ich wegen der Nominierung zum Auslands-Oscar in L. A. war, wurde mir ein Treffen mit dem Arnie zum Essen angeboten. Leider musste er an diesem Tag zum Begräbnis von Altlandeshauptmann Josef Krainer nach Graz. Also ging ich mit Christoph Waltz essen, was auch sehr nett war.

Kurz gefragt:

Das beste Essen ihres Lebens?

Ein gutes Backhendel

Ihr Lieblings-Restaurant/Gasthaus in der Steiermark?

Hier in der Steiermark orientiert man sich an der Familie Reitbauer und am Pogusch. Das ist das Mekka. Da kommt diese sympathische und nachhaltige Verantwortung für Qualität her. Das nötigt jedem, der seinen Beruf liebt, Respekt ab. Dort treffen sich alle. Dort treffen sich der Top-Schauspieler, der Top-Sänger, der Top-Gastronom. Meine besten Happen, wo ich am meisten gestaunt hab, genoss ich am Pogusch.

Kochen Sie auch selbst?

 Ja, aber immer weniger, weil meine Frau immer besser kocht. Von Mahl zu Mahl.

Was mögen Sie gar nicht?

Zu weich gekochte Nudeln und zu weich gekochtes Gemüse. Ich hab sogar schon Heuschrecken in einem australischen Restaurant in Wien gegessen.

Zu welchem Essen können Sie nicht nein sagen?

Zu einer guten Leberkäs-Semmel, zu Palatschinken obwohl ich nicht unbedingt ein Süßer bin. Oder zu einem guten Backhenderl oder Wiener Schitzel, Rindfleisch oder steirischem Wurzelfleisch.

Drei ess- und trinkbare Sachen aus der Steiermark, die Sie auf die berühmte einsame Insel mitnehmen würden?

Ein guter Sauvignon oder Weißburgunder, wenn ich eine gute Jause mitbringen dürfte dann ein Welschriesling, auf jeden Fall einen guten Wein. Die Bücher von Peter Rosegger, aber die kann man ja leider nicht essen (lacht). Eine gute Buschenschankjause mit einem köstlichen Käferbohnensalat.

Wordrap

Die Steiermark, das grüne Herz von Österreich. Kennt jeder, habe ich hier immer im Knopfloch.

Bereit sein ist alles.

Im Moment leben!

Jean Honoré Fragonard

Ich wollte es wäre anderes, aber es ist leider ein bisschen der Zweckpessimismus. Aber eigentlich nur zu dem Zwecke, dass er Lügen gestraft wird.

Aufrichtigkeit und Treue.

Da gibt es leider in der letzten Zeit nicht so viel zu bewundern, weil ja nicht wirklich welche stattfinden. Im Grunde natürlich klarerweise die Freiheit des Menschen – Freiheit, Gleichheit, Brüderlichkeit - nach den Maximen der französischen Revolution. Auflösung der Leibeigenschaften, das Ende des unterdrückten Menschen. Ich kann mir ja gar nicht vorstellen, dass es heute immer noch Regime gibt, die das zum Ziel haben. Unfassbar.

Aus aktuellem Anlass: Raubfischer in Hellas

Beethoven und Stones, Beatles, sprich alles was in meiner Jugend so angesagt war.

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